| Dienstag, 12. Mai 2009 | ![]() |
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Neuerscheinung: Max Bloch »Albert Südekum (1871–1944)«
Albert Südekum war einer der prominentesten, aber auch umstrittensten Politiker der SPD zwischen 1900 und 1920. Am 25. Januar 1871 in Wolfenbüttel als Sohn eines Gastwirts geboren, gehörte er zu jener Gruppe sozialdemokratischer Reformer, die den bürgerlichen Staat als Rahmenbedingung akzeptierten und die pragmatisch den Schulterschluss zwischen Arbeiterbewegung und liberalem Bürgertum bewerkstelligen wollten.
Während seines Studiums der Nationalökonomie in Genf, München, Berlin und Kiel wurden durch seine Lehrer Lujo Brentano, Adolph Wagner und – vor allem – Ferdinand Tönnies sowie durch die enge Verbundenheit mit dem bayerischen Sozialistenführer Georg von Vollmar die weltanschaulichen Grundlagen seines künftigen politischen Handelns gelegt. Seine politische Karriere begann er, für einen »sozialistischen Akademiker« nicht untypisch, auf journalistischem Terrain. Im Herbst 1894 trat er als Volontär in die Redaktion des »Vorwärts« ein, bevor er als stellvertretender Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung« sich seine ersten Sporen als verantwortlicher Journalist verdiente. Weitere Stationen waren die Chefredaktion der »Fränkischen Tagespost« in Nürnberg und der »Sächsischen Arbeiter-Zeitung« in Dresden.
Seit Mai 1900 Mitglied des Reichstags, profilierte er sich rasch als einer der aktivsten Parlamentarier der SPD und einer der markantesten Vertreter der Fraktionsrechten. Der stellvertretende Vorsitz der Budgetkommission des Reichstags, eines der wichtigsten parlamentarischen Ämter, das die SPD zu vergeben hatte, spiegelte diese Bedeutung ebenso wider wie das Lob, das seiner Fachkompetenz seitens der Regierung und der politischen Gegner immer wieder gespendet wurde. Nicht nur als Haushalts-, sondern auch als führender Kommunalpolitiker seiner Partei bemühte sich Südekum um eine reformorientierte Bündnisstrategie mit den Liberalen, durch die das Hauptziel, die Demokratisierung des Reiches, erreicht werden sollte. Zu namhaften Repräsentanten des Liberalismus, zu Friedrich Naumann, Theodor Heuss, Bernhard Dernburg und Hugo Preuß, entwickelte er enge politische, aber auch persönliche Beziehungen.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellte er sich kompromisslos in den »Dienst des Vaterlandes«. Die am 4. August 1914 von dem widerstrebenden Parteivorsitzenden Haase verlesene Erklärung zur Kriegskreditbewilligung war von ihm maßgeblich inspiriert. Durch seine Regierungsnähe wirkte er als eine Art informelles Bindeglied zwischen sozialdemokratischem Parteivorstand und Reichsleitung und gehörte neben Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Eduard David dem Führungszirkel der Mehrheitssozialdemokratie an. Als »Agent« des Auswärtigen Amts unternahm er politische Missionen in die neutralen Staaten Europas, um die dortigen sozialistischen Bruderparteien zu einer Politik der Neutralität gegenüber dem Deutschen Reich zu bewegen. Der Begriff der »Südekumerei« avancierte daraufhin zu einem international gebräuchlichen Schlag- und Schimpfwort und sicherte ihm seinen Ruf als bevorzugtes Feindbild der revolutionären Linken. Gemeinsam mit dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger brachte er die interfraktionelle Verständigung vom Juli 1917 auf den Weg und bemühte sich als Mitglied und Initiator überparteilicher Vereinigungen, wie der »Deutschen Gesellschaft 1914«, der »Mittwochsgesellschaft« und des »Deutschen Nationalausschusses«, um einen Geist der nationalen Eintracht, den er den Fliehkräften des Krieges entgegenzustellen hoffte.
Nach Niederlage und Revolution wurde er im November 1918 – zunächst noch gemeinsam mit dem Unabhängigen Sozialdemokraten Hugo Simon, seit Januar 1919 selbständig – mit der Leitung des preußischen Finanzressorts betraut. Unter anderem oblagen ihm die Abfindungsverhandlungen mit dem Hause Hohenzollern, die zu einer wachsenden Verstimmung in seiner eigenen Partei führten und schließlich am Veto der sozialdemokratischen Fraktion in der Preußischen Landesversammlung scheiterten. Im Zuge der Umbesetzung der preußischen Staatsregierung nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch musste er seinen Posten räumen und wechselte – nach einem kurzen Intermezzo als preußischer Staatskommissar für die Groß-Hamburg-Frage 1921/22 – ins Wirtschaftsleben. Das Scheitern der Weimarer Republik deutete er auch als Folge sozialdemokratischer Verantwortungsscheu. Nach 1933 sämtlicher Posten enthoben, verfolgte er die politische Entwicklung mit wachsender Resignation. Er trat in Kontakt mit führenden Vertretern des Widerstands, mit Wilhelm Leuschner, Carl Friedrich Goerdeler, Ernst von Harnack und Jakob Kaiser, und verstarb im Frühjahr 1944 in Berlin.
Das Leben Albert Südekums, der als exemplarischer, ja fast schon prototypischer Vertreter des sozialdemokratischen Reformismus zu gelten hat, ist mit der vorliegenden Biographie erstmals einer wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen und im Spiegel der Quellen dargestellt worden.
Neuerscheinung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien im Droste Verlag
Max Bloch:
Albert Südekum (1871–1944). Ein deutscher Sozialdemokrat zwischen Kaiserreich und Diktatur. Eine politische Biogaphie,
Düsseldorf 2009
(Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 154)
358 Seiten mit Abb., 49,80 €.
ISBN 978-3-7700-5293-6

