| Dienstag, 8. Juni 2010 | ![]() |
|
Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Schiffbauerdamm 17 · 10117 Berlin http://www.kgparl.de |
Zwei neue Handbücher zur Geschichte des Parlamentarismus in Baden:
Präsentation im Haus des Landtags in Stuttgart
Zwei Publikationen zur Entwicklung des Parlamentarismus in Baden – »Badischer Parlamentarismus 1819 bis 1870« und »Der badische Landtag 1918–1935« – sind die jüngsten Veröffentlichungen in der von der KGParl herausgegebenen Reihe »Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus«. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Landtags von Baden-Württemberg und der KGParl wurden die Bände am 8. Juni 2010 im Haus des Landtags in Stuttgart der Öffentlichkeit vorgestellt.
In seiner Begrüßungsrede würdigte Landtagspräsident Peter Straub die Arbeiten von PD Dr. Hans-Peter Becht (Stadtarchiv Pforzheim) und Dr. Michael Braun (Reichspräsident Ebert-Gedenkstätte Heidelberg) als Erkenntnis fördernde, bedeutende Darstellungen über die Geschichte Badens und damit auch über die Grundlagen des Landes Baden-Württemberg. Er hob in diesem Zusammenhang dankend die wissenschaftliche Bedeutung der KGParl hervor, die durch ihre Veröffentlichungen das Wissen um das Wachsen und Werden der Demokratie in Deutschland bereichert habe. Mit dem notwendigen Abstand zum politischen Alltagsgeschäft trage die Berliner Forschungsinstitution damit zur Wertschätzung des parlamentarisch-demokratischen Systems in Deutschland bei.
Prof. Gerhard A. Ritter (Berlin) erinnerte im Namen der KGParl an die Zielsetzung der Handbuch-Reihe, zu einer vertieften Erkenntnis über die parlamentarischen Traditionen der deutschen Geschichte zu gelangen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Scheiterns der Weimarer Verfassungsordnung sei es notwendig, die historischen Voraussetzungen und Grundlagen der föderativ verfassten parlamentarischen Demokratie in Deutschland zu erforschen und durch Publikationen die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders gut dokumentiert sei mit den beiden vorzustellenden Werken nunmehr Baden, das zu Recht als Musterland des frühen Parlamentarismus angesehen werde. Es bestehe gute Aussicht, auch den noch fehlenden Zeitraum von 1870 bis 1918 in einem weiteren Band zu erschließen.
Zum Forschungsertrag der Arbeiten von Becht und Braun äußerte sich in seiner Laudatio Prof. Dieter Langewiesche (Tübingen), ebenfalls seit vielen Jahren Mitglied der KGParl. Mit den zwei neuen Handbüchern würden sehr unterschiedliche Phasen der badischen Geschichte behandelt, für die sich jedoch die Frage nach den Bedingungen der Entstehung und Behauptung des Parlamentarismus gegenüber den gegenläufigen Kräften in ähnlicher Weise stelle. Der Band von Becht mache deutlich, dass die parlamentarische Erfolgsgeschichte im Baden des frühen 19. Jahrhunderts sehr konfliktreich und keineswegs gradlinig verlaufen sei. Doch habe die fürstliche Obrigkeit sich den politischen Partizipationsforderungen auf Dauer nicht entziehen können und letztlich sogar die Vorteile einer Kooperation mit den Volksvertretern erkannt. Langewiesche zeigte sich überzeugt, dass durch die Entwicklung parlamentarischer Regierungsformen der junge Staat entscheidend gefestigt und nach 1871 die Integration Badens in die föderative Struktur des Deutschen Reiches erleichtert worden sei.
Der Umbruch von 1918/19, so Langewiesche über die Arbeit von Braun, habe eine Neuausrichtung des Parlamentarismus im Reich und in den Ländern erforderlich gemacht, auf die das Land Baden mit der Verfassung von 1919 eine erfolgreiche Antwort gegeben habe. Unter Verzicht auf plebiszitäre Elemente sei mit der Verfassung das Parlament in den Mittelpunkt des politischen Lebens gerückt und so die Grundlage für eine vergleichsweise lange Phase badischer Stabilität in unsicheren Weimarer Zeiten ermöglicht worden. Braun zeige, dass sich Zentrum, Sozialdemokratie und liberale Parteien in Baden trotz innerer Konflikte und Anfeindungen von außen immer wieder fähig zum demokratischen Kompromiss gezeigt hätten. Die eingangs aufgeworfene Frage nach einer Sonderstellung Badens im Rahmen der parlamentarischen Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis 1933 beantwortete Langewiesche mit einem vorsichtigen Ja. Die Wertvorstellungen aller politisch-parlamentarischen Kräfte hätten in dem überschaubaren Land stets nah beieinander gelegen. Im Zusammenspiel mit der Exekutive habe sich eine reformfähige politische Kultur im Land entwickelt und sich ein Verfassungs- und Rechtsvertrauen ausgebildet, das in dieser Ausprägung in anderen Regionen Deutschlands kaum zu finden sei.
Die Buchpräsentation schloss mit einem Dankwort der beiden Autoren, die sich auch zu den Schwierigkeiten der historischen Erforschung parlamentarischer Systeme äußerten. Für die zeitgenössischen Insider verständliche parlamentarische Abläufe und Entscheidungen, so Becht, seien für den Historiker oft nur mittels einer mühsamen Kompilation verschiedener Quellen nachzuvollziehen. Den Anwesenden gab Braun den Appell mit auf den Weg, bei der Lektüre der Bücher »der Kraft der demokratischen Idee nachzuspüren«.
Neuerscheinungen der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien im Droste Verlag
Hans-Peter Becht:
Badischer Parlamentarismus 1819 bis 1870. Ein deutsches Parlament zwischen Reform und Revolution.
Düsseldorf 2009
(Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus)
934 Seiten mit Abb., 98,00 €.
ISBN 978-3-7700-5297-4
Michael Braun:
Der Badische Landtag 1918–1933.
Düsseldorf 2009
(Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus)
646 Seiten mit Abb., 78,00 €.
ISBN 978-3-7700-5294-3

