KOMMISSION FÜR GESCHICHTE DES PARLAMENTARISMUS UND DER POLITISCHEN PARTEIEN E.V.
SCHIFFBAUERDAMM 17 · 10117 BERLIN · TEL. 030 / 227 925-72 · INFO@KGPARL.DE

KGParl Online-Publikationen
M.d.B. – Die Volksvertretung 1946–1972

Vorwort

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die besiegten Deutschen keine Stimme und keine Volksvertretung. Ihr Schicksal lag in der Hand der Siegermächte. Der Reichstag, seit 1933 ohnehin ein Hitlers Herrschaftsbedürfnissen höriges Einparteienparlament, hatte den Zusammenbruch nicht überdauert. Nur das Gebäude mit der mächtigen Kuppel stand noch, eine Ruine, in deren Schatten bald der Schwarzhandel blühte. Die »Reichshauptstadt« war ein Trümmerhaufen, in vier Sektoren geteilt wie das Land westlich von Oder und Neiße.

Erst 1946 fanden in den Besatzungszonen der drei Westalliierten und in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ), der »Ostzone«, die ersten Kommunal- und Landtagswahlen statt. Von der jeweiligen Besatzungsmacht lizenzierte Parteien stellten sich dem Votum der (befreiten) Wähler, des Volkes, dessen Souveränität weiterhin eingeschränkt war. Die ersten zonalen und überzonalen Gremien mit parlamentarischer Funktion gingen nicht aus allgemeinen Wahlen hervor. Im Sommer 1949 konnten zumindest die Westdeutschen erstmals wieder »im freien Wettbewerb der politischen Gruppen und Personen eine echte Volksvertretung« (Theodor Heuss) wählen: den 1. Deutschen Bundestag.

Dieser »Wettbewerb« – der »Eroberungsritt nach Bonn« – war Gegenstand der im Jahr 2000 als gedrucktes Buch erschienenen biographischen Dokumentation »M.d.B. – Volksvertretung im Wiederaufbau 1946–1961. Bundestagskandidaten und Mitglieder der westzonalen Vorparlamente«. Die überarbeitete Fortschreibung dokumentiert nun den »Wiederaufbau und Wandel« der Volksvertretung bis 1972. Mit 11410 stichwortartigen Lebensläufen oder biographischen Notaten ist das »e-book« ein einzigartiges »Wer war wer« der politischen Klasse der frühen Bundesrepublik Deutschland: Neben den Mitgliedern des Bundestages und der westdeutschen »Vorparlamente« – vom Zonenbeirat bis zum Parlamentarischen Rat – umfaßt die elektronische Publikation sämtliche Wahlbewerber zum Deutschen Bundestag von 1949 bis 1969. Sie vermittelt damit einen in dieser personengeschichtlichen Dichte bisher nicht erreichten Überblick über Anfänge und Wandel demokratischer Legitimität in Westdeutschland.

Die prosopographische Erforschung des parlamentarischen Wiederaufbaus erwuchs mit aus der vom Deutschen Bundestag angeregten biographischen Dokumentation der »Lebensschicksale der ehemaligen Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus«. Als Ergebnis dieses Forschungsvorhabens hat die »Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien«, deren Geschäftsführung mir 1980 anvertraut wurde, die biographische Dokumentation »M.d.R. – Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945« 1991 veröffentlicht. Die 3., erheblich erweiterte und überarbeitete »M.d.R.«-Auflage erschien 1994 »mit einem Forschungsbericht zur Verfolgung deutscher und ausländischer Parlamentarier im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich«. Ergänzend konnte 1995 ein biographischer Index »M.d.L. – Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der Landtage und Bürgerschaften der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus« vorgelegt werden.

An allen genannten Projekten haben viele mitgewirkt, denen ich zu Dank verpflichtet bin: Archivare und Bibliothekare, vor allen Michael Hillen, der als Mitarbeiter – bis zum Ende des Bonner Forschungsorts der Kommission – sich von einigen Tausend Wahlbewerbern mehr oder weniger nicht hat entmutigen lassen. Mit der ihm eigenen Leidenschaft und zähen Akribie hat er die Daten aufgenommen, abgeglichen, ergänzt, als gewissenhafter Dokumentar die Grundlage für dieses »e-book« geschaffen.

Nach dem Umzug der Kommission nach Berlin hat Vera Savec den »Faden« aufgenommen. Wolfgang Hölscher hat wesentlichen Anteil an der Planung und Realisierung dieses ersten Online-Projekts der Kommission. Thomas Herzog und Vera Savec besorgten die Schlußredaktion. Clemens Schumacher aktualisiert in freier Mitarbeit und ehrenamtlich den Internetauftritt der Kommission und das Webdesign dieser Publikation als »e-book«.

Die Mitglieder der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, insbesondere deren Präsidenten, zunächst Rudolf Morsey und später Klaus Hildebrand, haben die biographische Akzentuierung der Forschungs- und Publikationstätigkeit nachdrücklich gefördert. Wertvollen Rat und vielfache Unterstützung gewährte auch für dieses Projekt zudem ein Autor der Kommission, der selbst auf dem sperrigen Feld biographischer Forschung Pionierleistungen erbracht hat: Bernd Haunfelder (Münster). Für Rat und Tat danke ich allen Genannten und vielen, die es auch verdient hätten, genannt zu werden, hier aber namentlich unerwähnt bleiben.

Dank der Förderung des Deutschen Bundestages hat die »Bonner Parlamentarismus-Kommission« ihren Forschungs- und Publikationsort in Berlin gefunden. Zu guter Letzt sei hier auch allen gedankt, die den Übergang in Bonn vorbereiteten und den Neubeginn des Forschungssekretariats der »KGParl« in Berlin ermöglichten, insbesondere Jutta Graf, die seit zwei Jahrzehnten alles Werdende – vor allem eine unendliche Korrespondenz – ins reine gebracht hat, auch diesen Text.

Die biographische Dokumentation »M.d.B. – Die Volksvertretung, Wiederaufbau und Wandel 1946–1972« soll im PDF-Format nach und nach online gestellt werden.

Martin Schumacher
Berlin, im Dezember 2006

inhaltsverzeichnis