KOMMISSION FÜR GESCHICHTE DES PARLAMENTARISMUS UND DER POLITISCHEN PARTEIEN E.V.
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Parlament und Öffentlichkeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

 

Outre la tribune des Sténographes, avoir aussi une tribune des photographes. Afin de mettre l'orateur dans la nècessité de soigner ses attitudes.
Kontakt: Dr. Andreas Biefang

 

Das ThemaLaufende ProjektePublikationenSonstiges

 

Das Thema

1. Moderne Parlamente brauchen Öffentlichkeit. So selbstverständlich und beinahe banal dieser Satz klingen mag, verbirgt sich dahinter eine spannungsreiche Beziehungsgeschichte. Denn die Beurteilung des Wechselverhältnisses unterlag gravierenden Wandlungen. So galten während des 19. Jahrhunderts Parlament und Öffentlichkeit als »symbiotische Zwillinge«, die den gesellschaftlichen und verfassungspolitischen Fortschritt garantierten. Eine solche optimistische Sichtweise wird heute kaum mehr vertreten. Stattdessen überwiegt die skeptische Rede von der »Medialisierung« der Politik, wonach parlamentarische Debatten und Entscheidungsprozesse zunehmend von medialen Inszenierungen überlagert oder gar verdrängt werden.

Im Forschungsschwerpunkt »Parlament und Öffentlichkeit« sollen die komplexen Beziehungen beider Institutionen in einer längeren historischen Perspektive untersucht werden, die vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Dabei sind zwei eng miteinander verknüpfte Überlegungen maßgebend. Die erste Annahme lautet, dass der moderne Parlamentarismus systemnotwendig auf eine institutionalisierte Öffentlichkeit angewiesen ist. Ohne Öffentlichkeit keine Repräsentation, hat der liberale Staatsrechtler Karl Rotteck schon in den 1830er Jahren knapp formuliert. Und die zweite Annahme lautet, dass Parlamente und ihre Mitglieder nur dann glaubhaft beanspruchen können, im Namen der »Nation« oder des »Volkes« zu handeln, wenn es ihnen gelingt, eine dauerhafte wechselseitige Kommunikation mit den Wählern zu unterhalten. Andernfalls läuft ihr Geltungsanspruch ins Leere. Insofern handelt die Geschichte der parlamentarischen Öffentlichkeit auch von der Macht der Parlamente.

2. Im ausgehenden 18. Jahrhundert haben wir es mit einem fundamentalen Einschnitt zu tun, der das Verhältnis von Parlament und Öffentlichkeit neu bestimmte. Die wichtigste Ursache für diese Zäsur lag im Wandel der Legitimation politischer Herrschaft, der Nordamerika und weite Teile Europas erfasste. Am deutlichsten sichtbar wurde dieser Wandel in Frankreich, weil er sich dort nicht evolutionär-prozesshaft wie in England, sondern seit 1789 in Gestalt revolutionärer Umwälzungen vollzog.

In der Welt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mussten sich die Ständeversammlungen nur in begrenztem Umfang einer politischen Öffentlichkeit stellen. Ihnen genügte grundsätzlich die Öffentlichkeit der unmittelbar anwesenden Fürsten und ihrer Stellvertreter, um politische Legitimität zu erzeugen. Bei den nachrevolutionären Parlamenten sah das ganz anders aus. Diese waren – zunächst mehr der Idee nach – gekennzeichnet durch freie Wahlen und das Prinzip des freien Mandats. Die gewählten Abgeordneten verkörperten nicht mehr die Nation, sie repräsentierten sie nur noch, sie sprachen und handelten in ihrem Namen.ntierten sie nur noch, sie sprachen und handelten in ihrem Namen.

Aus dem gewandelten Modus der Repräsentation, von der Identitätsrepräsentation der ständischen Welt zur abstrakten Repräsentation der Moderne, ergab sich ein neues Verhältnis zur Öffentlichkeit. Indem die einmal Gewählten in ein fernes Parlament entsandt wurden, um dort über Jahre die Geschicke der Nation mitzubestimmen, tat sich eine Vertrauenslücke auf, die nicht nur prinzipielle Gegner der Repräsentativdemokratie in der Tradition Jean-Jacques Rousseaus bemerkten. Das Misstrauen der Wähler war dem neuen Modus der Repräsentation vielmehr grundsätzlich eingeschrieben und wurde zu seiner dauerhaften Begleiterscheinung.

Damit dieses Misstrauen die durch den Wahlakt erlangte Legitimation nicht aufzehrte, waren die modernen Volksvertreter und die durch sie gebildeten Parlamente gezwungen, die Vertrauenslücke durch das fortgesetzte öffentliche Gespräch mit der Gesellschaft, genauer: mit den Wählern, zu überbrücken. Indem die modernen Parlamente von der permanenten öffentlichen Kommunikation abhängig wurden, unterschieden sie sich grundsätzlich von den ständischen Vertretungsorganen des Ancien Régime. Unter den Bedingungen der abstrakten Repräsentation trat die mediale Öffentlichkeit funktional an die Stelle, die das politische Zeremoniell im Alten Reich besessen hat. Die parlamentarische Öffentlichkeit wurde systemnotwendig.

Dieser um 1800 entstandene existentielle Funktionszusammenhang prägt die politische Arena bis in die Gegenwart. Er wurde durch die verschiedenen medialen »Revolutionen« wie etwa die Entstehung der populären Massenpresse im ausgehenden 19. Jahrhundert oder der elektronischen Medien im 20. Jahrhundert zwar in vielfältiger Hinsicht verändert, das Grundprinzip blieb jedoch erhalten. Es wäre zu diskutieren, ob der beschriebene Funktionszusammenhang durch die jüngsten Entwicklungen des politischen Systems – genannt sei die fortschreitende Machtübertragung auf europäische Institutionen – und des Mediensystems – Stichwort Internet – ernsthaft bedroht ist. In diesem Fall wäre auch das Prinzip der modernen politischen Repräsentation, der Parlamentarismus, gefährdet.

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Laufende Projekte

1. Monografie: »Leopold Braun (1868–1943). Kunst, Politik, Bohème und die Frage: Wozu malt man ein Parlament?« (erscheint Düsseldorf 2018)

2. Monografie: »Die parlamentarische Bühne. Zur visuellen Repräsentation des Parlamentarismus in Deutschland 1789–1933«

3. Ausstellung und Ausstellungskatalog (zusammen mit dem Deutschen Historischen Museum): »Parlamentarische Bilderwelten seit dem 18. Jahrhundert« (Arbeitstitel)

Kontakt: Andreas Biefang

4. Monografie: »Treibhaus Bonn. Die politische Kulturgeschichte eines Romans«

Im Forschungsschwerpunkt »Parlament und Öffentlichkeit« schreibt Benedikt Wintgens eine politische Kulturgeschichte der frühen Bundesrepublik. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist dabei der 1953 erschienene Roman Das Treibhaus von Wolfgang Koeppen (1906–1996), die bekannteste literarische Auseinandersetzung mit dem Parlamentarismus in der deutschsprachigen Belletristik. [mehr]

Erste Teilergebnisse:

Der Bundeskanzler im Treibhaus. Wolfgang Koeppens Bonn-Roman und die Literatur der Adenauerzeit, in: Epoche im Widerspruch. Ideelle und kulturelle Umbrüche der Adenauerzeit, hg. von Michael Hochgeschwender, Bonn 2011, S. 153–180

Kontakt: Benedikt Wintgens

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Publikationen

Die Forschungsergebnisse des Schwerpunkts »Parlament und Öffentlichkeit« erscheinen mit eigener Zählung innerhalb der Reihe »Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien«. Bislang liegen vor:

Band 1
Biefang, Andreas/Epkenhans, Michael/Tenfelde, Klaus (Hrsg.): Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871-1918.  516 S. mit Abb., Hardcover, Düsseldorf 2008. (= Reihe »Beiträge«, Band 153)
2. Auflage, 2011, Paperback: EUR 29,80 – ISBN 978-3-7700-5299-8

Band 2
Biefang, Andreas: Die andere Seite der Macht. Reichstag und Öffentlichkeit im »System Bismarck« 1871–1890. 356 S. mit Abb., Hardcover, Düsseldorf 2009. (= Reihe »Beiträge«, Band 156)
2. Auflage, 2012, Paperback: EUR 24,80 – ISBN 978-3-7700-5312-4

Band 3
Gruhlich, Rainer: Geschichtspolitik im Zeichen des Zusammenbruchs. Die Deutsche Nationalversammlung 1919/20. Revolution – Reich – Nation.  475 S., Hardcover, Düsseldorf 2012. (= Reihe »Beiträge«, Band 160)
EUR 62,00 – ISBN 978-3-7700-5309-4

Band 4
Mergel, Thomas: Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag.  536 S., Paperback, 3. überarbeitete Auflage, Düsseldorf 2012. (= Reihe »Beiträge«, Band 135)
EUR 24,80 – ISBN 978-3-7700-5315-5

Band 5
Andreas Biefang & Marij Leenders (Hrsg.): Das ideale Parlament. Erich Salomon als Fotograf in Berlin und Den Haag 1928–1940.  368 S., Paperback, Düsseldorf 2014. (= Reihe »Beiträge«, Band 167)
EUR 49,80 – ISBN 978-3-7700-5324-7

Band 6
Ziegler, Merle: Kybernetisch regieren. Architektur des Bonner Bundeskanzleramtes 1969-1976. 396 S., Klappenbroschur, Düsseldorf 2016. (= Reihe »Beiträge«, Band 172)
EUR 59,00 – ISBN 978-3-7700-5331-5

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Sonstiges

Buch und Ausstellung über Julius Braatz als Fotograf in »Bismarcks Reichstag«

Aus Anlaß ihres 50. Geburtstags im Mai 2002 hat die KGParl die Fotoausstellung »Bismarcks Reichstag. Das Parlament in der Leipziger Straße. Fotografiert von Julius Braatz« erarbeitet. Im Mittelpunkt standen rund hundert, überwiegend unbekannte Aufnahmen, die der Berliner Fotograf Julius Braatz im April und Mai 1889 im Reichstagsgebäude angefertigt hat. Als Pionier der dokumentarischen Fotografie hatte Braatz Zutritt zu den Abgeordneten erhalten, die er mit der Kamera im Foyeren, die er mit der Kamera im Foyer und im Plenum fotografierte. Seine Aufnahmen können als die ersten reportageähnlichen Lichtbilder aus einem Parlament überhaupt gelten. Sie vermitteln nicht nur einen einzigartigen Einblick in den parlamentarischen Alltag der Abgeordneten, sondern sie dokumentieren zugleich das Innere des provisorischen Reichstagsgebäudes, das in der Erinnerung ganz hinter den 1894 bezogenen Wallot-Bau zurückgetreten ist. Bei den Bildern von Braatz handelt es sich zweifellos um die bedeutendste fotografische Quelle zur parlamentarischen Kultur der Bismarckzeit.

Die Ausstellung wurde als Wanderausstellung konzipiert und ist in siebzehn Städten gezeigt worden. Ausstellungsorte waren Parlamente, historische Museen und Archive. Zu der Ausstellung liegt ein wissenschaftliches Begleitbuch vor, in dem Andreas Biefang den Lebenslauf von Julius Braatz rekonstruiert, die historische Einordnung seines fotografischen Werkes vornimmt und eine Analyse seiner Bildsprache versucht. Der Text enthält weitere unveröffentliche Fotografien von Julius Braatz und zusätzliches, wenig bekanntes Bildmaterial.

Begleitbuch:

Fotoausstellung »Bismarcks Reichstag«Andreas Biefang: Bismarcks Reichstag. Das Parlament in der Leipziger Straße. Fotografiert von Julius Braatz. 320 S., 192 Abb. im Text, 158 ganzseitige Bildtafeln, Düsseldorf 2002.

Stationen der Ausstellung:

Die Ausstellung befindet sich seit Juni 2010 als Dauerleihgabe in der Außenstelle der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Schönhausen/Elbe.


Stationen der Ausstellung

Kontakt: Andreas Biefang

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